Monatelang müssen Schüler unter brüchigen Decken sitzen

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 16.02.2004:

Gefahren im Freiburger Rathaus lange bekannt - Baubürgermeister steht nach Affäre erneut in der Kritik 

FREIBURG. Über Monate hinweg haben Schüler einer Freiburger Sonderschule unter Decken gesessen, die einzustürzen drohten. Die zuständigen Dezernate im Rathaus wussten darüber Bescheid. Unternommen wurde aber dennoch nichts. 

Von Ute Köhler 

Ein erstes Gutachten datiert vom Januar vergangenen Jahres. Was darin steht, wissen bis heute nach eigenen Angaben weder Freiburgs Schuldezernentin Gerda Stuchlik noch der Schulleiter Helmut Senf. Es liegt im Hochbauamt der Stadt unter Verschluss. 

Vorhanden ist auch in Stuchliks Abteilung aber seit Oktober des vergangenen Jahres eine Ergänzung dieses Gutachtens, das unmissverständlich auf den alarmierenden Zustand der Schulzimmerdecken hinweist: "Die Deckenverankerungen", heißt es dort, "sind in allen Geschossen statisch mangelhaft. Es besteht die Gefahr eines plötzlichen Absturzes größerer Deckenflächen ohne vorherige Ankündigung." Dass die Platten ihr "maximales Lebensalter erreicht" hatten, sei im Übrigen schon in dem Gutachten vom Januar 2003 mitgeteilt worden. 

Die Sachverständigen rechneten mit einem so genannten Reißverschlusseffekt. Das heißt: Wenn sich eine der abgehängten Deckenplatten löste, würden die anderen zwangsläufig mit herabfallen. Für die Schüler hätte das nach Einschätzung des Freiburger Rathauses "keine Gefahr für Leib und Leben" bedeutet. Der Leiter der Schule sieht das angesichts des Gewichts von immerhin zwei Kilogramm pro Platte anders. 

Heute sprechen der Baudezernent Matthias Schmelas (CDU) und die Schuldezernentin Gerda Stuchlik (Die Grünen) davon, dass in ihren Ämtern Fehler gemacht worden seien. Offenbar haben beide Bürgermeister selbst von der dramatischen Sicherheitslage nichts gewusst, bis Ende Januar Schulleiter Senf davon erfuhr und öffentlich Alarm schlug. Wo Tage zuvor noch von Sicherheitsnetzen die Rede war, die vielleicht unter die Decken gehängt werden könnten, wurde danach im Eiltempo der Umzug der Schule in die Wege geleitet. Mit den Netzen sollten herabfallende Platten aufgefangen werden. 

In den Zuständigkeitsbereichen der beiden Rathausdezernenten wird der mangelhafte Informationsfluss als symptomatisch angesehen: Beide Bürgermeister, heißt es, hätten Schwächen in der Personalführung und sorgten nicht für Transparenz in ihren Abteilungen. Dass sie von ihren Mitarbeitern nicht über die Brisanz der Situation in jener Sonderschule unterrichtet wurden, erstaune nicht, heißt es dort. Allerdings gilt die Umwelt- und Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik ansonsten als ernsthafte und gewissenhafte Arbeiterin. 

Über Baubürgermeister Matthias Schmelas ist das nicht zu hören. Seit Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1999 muss der gelernte Sozialwissenschaftler aus Worms immer wieder schärfste Kritik einstecken. 2001 hat er schon einmal erklärt, er habe zwar Anfangsfehler gemacht, werde sich aber künftig bessern. Das war die offizielle Erklärung. Bei verschiedenen Gelegenheiten soll er dagegen schon damals ausgeplaudert haben, ihm reiche eine Amtszeit in Freiburg aus, um die gewünschte Altersversorgung zu erlangen. Alles Weitere lasse ihn kalt. 

Entsprechend umfangreich ist inzwischen das Sündenregister, das in Schmelas" Dezernat über ihn geführt wird. Da ist die Rede von geschwänzten Terminen, die er als offizieller Vertreter der Stadt hätte wahrnehmen sollen. Es wird berichtet von fehlendem Interesse für seinen Aufgabenbereich, von jedem Verzicht auf strategisches Planen, von unwürdigem Umgang mit den Mitarbeitern, von Mobbing und Intrigen, von Unkenntnis auch, wie sich ein Repräsentant der Stadt Freiburg zu verhalten habe. Der, meinen zum Beispiel erstaunte Zuhörer, sollte nicht in dienstlicher Runde von der Größe brasilianischer Bordelle schwärmen. 

Bisher hat Schmelas gerne verkündet, was "die Presse" an Negativem über ihn schreibe, lasse ihn vollständig kalt. Inzwischen hat er offenbar umgedacht. Zu den neuerlichen Vorwürfen nimmt er nicht einmal mehr Stellung. 

Vor diesem Hintergrund gilt als unsicher, ob Schmelas die restlichen zwei Jahre seiner Amtszeit in voller Machtfülle wird ausüben können. Seine Amtsführung bringt schließlich auch die Freiburger CDU in große Schwierigkeiten, deren Vorschlag Schmelas war. Doch dort will seit langem niemand mehr die "Fehlbesetzung" (SPD-Fraktionschef Hans Eßmann) in Schutz nehmen. Weil aber ein Bürgermeister nicht leicht vorzeitig aus dem Amt zu entfernen ist, käme allenfalls ein Entzug von Kompetenzen in Frage. Das, meinen Insider aus dem Rathaus, würde zwar den Arbeitsablauf im Baudezernat erleichtern. Dass der Bürgermeister sich davon beeindrucken ließe, sei aber unwahrscheinlich. Schließlich habe er schon widerstandslos das Filetstück seines Bereichs, die Zuständigkeit für den Flächennutzungsplan, abgegeben. 

Aktualisiert: 17.02.2004, 05:03 Uhr 

Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de

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