Von 1990 bis 1992

Neuer Anfang nach der Franzosenzeit ...

Mit den weltpolitischen Ereignissen 1989/90 kam das Ende des französischen Militärs in Freiburg. Aber obwohl klar war, dass französische Truppen nun nicht mehr als "Schutz" gebraucht wurden und von vielen auch schon auf die dann leerstehenden Wohnungen spekuliert wurde, konnten die Soldaten natürlich nicht von heute auf morgen abziehen. Es gibt zwar ein Zitat von dem damaligen Präsidenten Mitterrand, wonach "die Logik es will, dass die französische Armee heimkehrt, sobald die Rolle der vier Siegermächte ausgespielt ist".

Aber Zehntausende von Soldaten, viele mit Familien, einfach nach Hause zu schicken, warf erhebliche soziale Probleme auf. Am 11.7.1990 zitiert die Badische Zeitung den damaligen französischen Verteidigungsminister Chevènement mit den Worten: "Das wird mindestens vier oder fünf Jahre dauern." Angesichts der damals herrschenden Wohnungsnot und der Nutzlosigkeit des französischen Militärs entstand unter kritischen Bürgern bald der Slogan "Kasernen zu Wohnungen".

Frühstück auf der Merzhauser Straße

Unverständlich und anachronistisch mutete das Manöver "Protée" an, das noch vom 14. bis zum 21.9.1990 im Schwarzwald zwischen Lahr und Sigmaringen durchgeführt wurde und den Widerstand der Linken und der Friedensgruppen in der Region hervorrief. Sie verteilten Flugblätter, hielten eine Mahnwache am Kaserneneingang (heute SUSI Café), veranstalteten ein "Frühstück im Freien", frei nach Manets "Frühstück im Grünen" vor der anderen Kasernenausfahrt, und machten eine Sitzblockade auf der Schwarzwaldstraße, um die ins Manöver ziehenden Soldaten aufzuhalten. Einer der damaligen Teilnehmer und heutige Vaubanbewohner Chistoph kann inzwischen wesentlich angenehmer auf seinem Balkon frühstücken, aber die Erinnerung an den Zugriff der Polizei damals auf der Schwarzwaldstraße und die Gerichtsverhandlung wegen Nötigung (bei der er letztendlich freigesprochen wurde), ist noch sehr lebendig.

1992 zogen die letzten Soldaten weg, und es war klar, dass das attraktive, baumbestandene Gelände nahe der Innenstadt Begehrlichkeiten weckte. Besitzer war - in später Nachfolge des Dritten Reiches - die Bundesrepublik Deutschland, und so erwarb die Stadt Freiburg von dieser die 38 Hektar große Fläche für 40 Millionen DM, um darauf einen neuen Stadtteil zu bauen. Daneben erhob das Studentenwerk Ansprüche, ebenso eine gemischte Gruppe aus Studierenden, Einkommensschwachen und Alleinerziehenden, die den u-Asta als Anlaufstelle und Zentrum hatte und sich bald SUSI nannte. Nicht zu vergessen junge Menschen verschiedenster Couleur, die hier für ihre Wohn- und Bauwagen ideale Stellplätze fanden.

Start des SUSI-Projektes

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SUSI, die "Selbstorganisierte unabhängige Siedlungsinitiative", war die erste Gruppe, die 1990, als die französischen Soldaten die Kasernen noch bewohnten, konkrete Vorstellungen entwickelten, nach dem Vorbild der Konstanzer Chérisy- Kasernen. Ihr Vordenker war der damalige Architekturstudent Bobby Glatz, dem es gelang, nicht nur im studentischen Umfeld Gleichgesinnte, sondern auch Stadträte (vor allem Stadträtinnen!), Kirchenleute, den Paritätischen Wohlfahrtsverband (in dem SUSI bald Mitglied wurde) und Experten mit baulichem, finanziellen und sozialem Know how für die Idee eines besonderen Wohnprojekts zu begeistern. Studierende und Berufstätige, Leute mit wenig und mit etwas mehr Geld sollten zusammen leben, darüber hinaus auch Freiraum für kulturelle und soziale Aktivitäten haben. Das Ziel, möglichst kostengünstig zu bauen, sollte durch Eigenleistung der Bewohnerinnen und Bewohner beim Bau erreicht werden. Und obwohl Bobby Glatz 1990, als er die Kasernengebäude von der Merzhauser Straße aus fotografieren wollte, von übereifrigen Wachleuten kurzzeitig festgenommen wurde und den "Bunker" am Eingang von Vaubanallee 2 von innen kennen lernte, war das Projekt - auch dank unermüdlicher Öffentlichkeitsarbeit - nicht mehr aufzuhalten.

Im Juni 1992 beschloss der Gemeinderat, SUSI zwar nicht die gewünschten 12 Gebäude zu überlassen, aber immerhin die vier am Anfang der Vaubanallee (Nr. 2, 4, 6 und 8), das hieß, dass diese aus dem Bebaungsplan und dem vorgesehenen städtebaulichen Wettbewerb herausgenommen wurden. SUSI mietete die Gebäude zu-nächst und erwarb sie im Januar 1995 auf der Basis eines Erbbaurechtsvertrages (bis 2059!). Das Geld kam aus Fördermitteln des sozialen Wohnungsbaus, als Bankdarlehen, aus Zuschüssen vom Wissenschaftsministerium für die Studentenwohnungen und von privaten Darlehensgebern, die bereit waren, dieses neuartige Projekt zu unterstützen. Ein Streitpunkt - bis zum heutigen Tag - war dasHaus 37, aus dem SUSI ein Kulturhaus und Nachbarschaftszentrum für den Stadtteil machen wollte. Es hatte (und hat noch) einen großen Saal, eine Küche, kleinere Gruppenräume, Kellerräume für handwerkliche und künstlerische Aktivitäten, aber die Stadt zog es vor, die besten Räume dem Essenstreff für Wohnungslose zu geben, was für beide Parteien keine optimale Lösung war: die Hungrigen mussten den langen Weg aus der Stadt laufen, um zum Essen zu kommen, und SUSI musste sich mit den übrigen unattraktiven Räumen zufrieden geben, die in schlechtem baulichen Zustand waren. Immerhin gelang es aber, dort eine nachbarschaftlich organisierte Bauküche einzurichten, die später auch gern von den Handwerkern und Eigenleistern auf dem Gelände genutzt wurde.

1992 - der Umbau beginnt!

Die zugesagten vier Gebäude standen ab August 1992 leer und wurden im Oktober 1993 von den SUSI-Pionieren "besenrein" (Bobby Glatz) und in relativ gutem baulichen Zustand offiziell übernommen. Die Arbeit des Um- und Ausbaus begann, wobei nach dem Prinzip "vom Notwendigen zum Ansehnlichen" vorgegangen wurde. Zu einer Art Logo für den Stadtteil (den selbst die Bauherren des Turms am Eingang der Vaubanallee in ihrem Prospekt benutzen) ist das Bild an der Außenwand von Haus Nr. 2 geworden, auf dem eine fröhliche Pippi Langstrumpf mit Luftballons den Weg ins "Quartier Vauban" zeigt.

Heute leben im SUSI-Projekt ca. 240 Menschen, vom Säugling bis zum über Fünfzigjährigen, Paare, Singles mit und ohne Kinder sowie Familien. Sie zahlen 4,80 € Kaltmiete für den Quadratmeter [in 2012] und versuchen, ihr Prinzip der Selbstorganisation und Nachbarschaftshilfe zu leben.

Christa Becker, 2000

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