• Marktplatz vor Haus 037
    Marktplatz vor Haus 037
  • Einräder auf der Vaubanallee
    Einräder auf der Vaubanallee
  • Winter in der Gropiusstrasse
    Winter in der Gropiusstrasse
  • Solarsiedlung
    Solarsiedlung
  • Grünfläche Nordwest
    Grünfläche Nordwest
  • Pippi Langstrumpf
    Pippi Langstrumpf

Von 1992 bis 1997

Turbulente Jahre (1992 - 1997)

Obwohl der Stadtteil Vauban zunehmend das Interesse der Öffentlichkeit (bis nach Japan!) und der Medien hat, rümpft mancher Freiburger, vielleicht auch der (inzwischen ehemalige) Oberbürgermeister (Böhme), die Nase, wenn man ihm erzählt, dass man dort wohnt. Das hängt mit Ereignissen nach Abzug der Franzosen zusammen, die in der letzten Folge dieser Serie bereits angedeutet wurden: die Nutzung des Geländes durch Gruppen verschiedenster Couleur, von denen nur SUSI hier überlebt hat.

So stellte die Stadtverwaltung der Heilsarmee den Kasernenblock 52 an der heutigen Marie-Curie-Straße als städtische Notunterkunft zur Verfügung. Im Haus 30 - wo heute die Karoline-Kaspar-Grundschule steht - wurden ca. 100 bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht, und das Kasernengebäude 23 an der jetzigen Rahel-Varnhagen-Straße diente als Notunterkunft für wohnsitzlose Bürger. Dazu kam die Sammelstelle für Asyl an der Wiesentalstraße, in der Flüchtlinge aus vielen Nationen wohnen und die - zu wessen Sicherheit auch immer - mit einem Zaun vom übrigen Gelände abgetrennt ist und heute noch aus sechs Häusern besteht. Dann pachtete das Gehörlosenzentrum das Haus 13 an der Marie-Curie-Straße, das inzwischen durch einen Neubau ersetzt wurde, und die Freiburger Reiter nutzten die Stallungen der Franzosen an der Adina-Flemmich-Straße.

Das war eine wahrlich bunte, zufällig zusammengewürfelte Mischung, die ihren besonderen Akzent durch junge Menschen bekam, die auf dem Gelände mit den vielen provisorischen Nutzungen und leerstehenden Häusern eine willkommene Möglichkeit sahen, ein Leben nach ihren Vorstellungen, die nicht immer bürgerlich waren, zu führen.

Wagenplatz Vauban

Dazu gehörte unter anderem das Leben im Bauwagen, von denen vor der Erschliessung des Geländes bis zu 120 hier standen, bewohnt von Menschen verschiedenster politischer Richtungen, die zum grossen Teil an oder unter der Armutsgrenze lebten und von denen viele auch Drogen- und Alkoholprobleme hatten. Der Bildhauer Martin Pauls, der heute noch in einem durch viel Eigenarbeit urgemütlichen Bauwagen auf dem SUSI-Gelände wohnt, spricht nüchtern, aber nicht teilnahmslos von diesen Vaubanbewohnern: "Das Vaubanareal war ein Auffangbecken für Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, die dort für einen Moment ausgelebt werden konnten." Deshalb (oder trotzdem?) gab es erstaunlich wenig Konflikte untereinander, was auch Günter Zinnkann, der in dieser Zeit als Polizist auf dem Gelände tätig war, bestätigt. Es habe kaum kriminelle Vorkommnisse gegeben, am ehesten Schlägereien zwischen alkoholisierten Gruppen, und deshalb auch kein Anlass für Razzien. Den jetzigen Pensionär, dessen Text- und Fotodokumentation ich wertvolle Informationen verdanke, trifft man heute noch auf Spaziergängen im Stadtteil und kann sich dann erzählen lassen, wie es noch vor fünf Jahren hier aussah. Auch er, der durchaus Amtshilfe bei der Zustellung städtischer Räumbescheide leisten mußte, spricht mit Verständnis von den damaligen Bewohnern des Wagenplatzes, der auch für Durchreisende zwischen Nord und Süd ein gern angesteuerter Rastplatz war. Für Martin Pauls fanden hier Menschen, die "keinen Platz in der etablierten Existenz fanden oder finden wollten, ein kurzwährendes Gefühl der Freiheit und auch der Geborgenheit."

Die KTS Vauban

Gleichzeitig mit den Wagenbewohnern entstand die alternative, heute noch im alten Bahnbetriebswerk bestehende KTS-Initiative (KTS-Ini), hervorgegangen aus dem Widerstand vieler Freiburger gegen die geplante Kultur- und Tagesstätte, die dann als Konzerthaus verwirklicht wurde. Konzerte, Discos und andere kulturelle Veranstaltungen fanden in den Häusern 11 und 36 statt, die friedlich besetzt worden waren. Trotzdem gab es Konflikte mit der Stadt, da - doch nicht ganz friedlich - Schlösser ausgewechselt worden waren und die Stadt keinen Präzedenzfall zulassen wollte. Schließlich sollten die Grundstücke ja verkauft werden. So wurden im Juli 1994 die Häuser 11 und 36 (westlich von Haus 37, heute Genova) abgerissen mit allen häßlichen Begleiterscheinungen, wenn intakte Gebäude kaputt gemacht werden. Dazu kam eine akute Gefährdung der Kinder, die in der heute noch bestehenden Kita im Haus 37 untergebracht waren, durch Glasscherben und dichte Staubwolken. Dies zog sofort den Protest der Eltern nach sich, der immerhin das Bespritzen des Abrissgebäudes bewirkte. Das übrige Freiburg erfuhr von diesem Konflikt durch unschöne Szenen in der Innenstadt, wo während Demonstrationen von frustrierten Jugendlichen Häuser beschmiert, Fenster eingeschlagen und Autos beschädigt wurden. Auf dem Vaubangelände gab es in dieser Zeit lautstarke Discos, die wiederum den Unmut der Anwohner hervorriefen. Aber im Gegensatz zu den Häuserkämpfen Anfang der Achtzigerjahre war in den Neunzigern von Seiten der Stadt mehr Gesprächsbereitschaft vorhanden, vielleicht auch die Wut der Besetzer weniger heftig, und so konnte die KTS-Ini bis Oktober 1997 noch das Haus 34 (an der Vaubanallee gegenüber vom Marktplatz) als Kulturzentrum nutzen. Vom Ende des Experiments berichtet die Badische Zeitung am 24.10.1997: "Statt der Räumfahrzeuge waren in den vergangenen Tagen Lastwagen und Traktoren mit Anhänger vor das besetzte Kulturhaus gefahren, statt der Polizei kamen freiwillige Helfer zum Einsatz, die Ladepritsche um Ladepritsche beluden. - Der gut besuchte Kulturtreff wurde geräumt, ohne Sondereinsatzkommando." Die Schlüssel wurden abgegeben und am 27.10. das Haus abgerissen.

Die KTS hatte danach Räume im ehemaligen Bahnbetriebswerk bezogen.

Nach diesen für die Betroffenen enttäuschend, für die Verantwortlichen glimpflich abgelaufenen Ereignissen war der Weg frei für den Bau des neuen Stadtteils.

Christa Becker, 2000

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